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Ego-Prompting – Ein neuer Blick aufs Ich

Was passiert, wenn du eine KI fragst, wer du bist? Erkennt sie dich wieder, überrascht sie dich mit neuen Perspektiven oder erzählt sie dir Dinge, die gar nicht stimmen? Ein Selbstexperiment, das nicht nur den Blick auf uns selbst, sondern auch unsere eigene Haltung und auf unsere Beziehungen verändern kann.

Hast du dich schon einmal selbst gegoogelt? Was früher etwas nach Eitelkeit klang, ist längst eine sinnvolle Empfehlung. Es ist relevant zu wissen, welche Informationen über uns öffentlich zugänglich sind, welche Spuren wir im Netz hinterlassen und welches Bild sich andere Menschen von uns machen können. Aus gutem Grund ist diese Übung in die WOL-Woche 6 integriert.

Inzwischen gibt es hierzu eine weitere Möglichkeit: eine künstliche Intelligenz nach sich selbst zu befragen. Nicht nach einer Formulierung für den eigenen Lebenslauf oder einer Optimierung deines LinkedIn-Profils, sondern ganz offen: „Wer ist [dein Name]? Was weißt du über diese Person? Wofür steht sie?“

Wir können das Ego-Prompten nennen – in Anlehnung an den Begriff Ego-Googeln.

Dahinter steckt mehr als ein interessantes KI-Experiment. Denn wir beschäftigen uns seit jeher mit unserem Selbstbild und dem Fremdbild, das andere von uns haben. Nun kommt ein drittes hinzu: das KI-Bild. Was macht das mit uns? Wie beeinflusst es unser Image, unser Selbstverständnis und vielleicht sogar unser Verhalten?

Wer bist du, wenn eine Maschine dich beschreibt?

Beim Ego-Googeln bekommen wir eine Sammlung von Suchergebnissen: Websites, Profile, Artikel, vielleicht Bilder oder Veröffentlichungen. Eine KI mit Webzugriff kann daraus etwas anderes machen. Sie verbindet Informationen, setzt Schwerpunkte und formuliert eine zusammenhängende Beschreibung.

Genau diesen Unterschied greift der Beitrag „Googling Yourself vs. Asking ChatGPT About Yourself“ auf. Während Google einzelne Fundstellen sichtbar macht, liefert ChatGPT eine Interpretation dieser Informationen. Das ist einerseits praktisch, denn wir müssen uns das Bild nicht mehr selbst aus verschiedenen Quellen zusammensetzen. Andererseits bedeutet das auch: 

Aus Informationen wird eine Erzählung.
Und aus einer Erzählung entsteht schnell der Eindruck einer Wahrheit.

Eine einzelne veraltete Information kann plötzlich Bedeutung bekommen. Unterschiedliche Menschen mit ähnlichen Namen können verwechselt werden. Kompetenzen werden möglicherweise zugeschrieben, die jemand gar nicht besitzt. Und weil die Beschreibung sprachlich überzeugend klingt, fällt uns womöglich gar nicht auf, wie viel Interpretation darin steckt. Wahrscheinlich sollten wir gerade dann besonders aufmerksam werden, wenn die Geschichte besonders plausibel erscheint.

Kann die KI unsere Persönlichkeit tatsächlich einschätzen?

Die Studie „Large language models and humans converge in judging public figures’ personalities“ liefert dazu einen bemerkenswerten Befund. Hierbei wurden die Persönlichkeiten von 226 öffentlichen Personen durch GPT-4 und insgesamt 600 menschliche Beurteilende anhand der Big Five eingeschätzt. Das Ergebnis: Die KI-Urteile korrelierten mit den durchschnittlichen menschlichen Einschätzungen mit Werten zwischen 0,76 und 0,87 – es gab also erstaunlich hohe Übereinstimmungen.

Allerdings ist hervorzuheben, was hier tatsächlich untersucht wurde: Nicht die wahre Persönlichkeit der Menschen, sondern die Ähnlichkeit zwischen maschinellen und menschlichen Zuschreibungen. Die Studie zeigt also nicht, dass KI einen Menschen in seinem Innersten erkennt. Sie zeigt vielmehr, wie gut ein Sprachmodell verbreitete Persönlichkeitsbilder reproduzieren kann.

Was glaubt die KI über dich zu wissen?

Um das auszuprobieren, braucht es kein besonderes technisches Wissen. Wichtig zu beachten: Eine KI, die bereits viele Gespräche mit dir geführt hat, kann möglicherweise auf Informationen aus diesen Gesprächen zurückgreifen. Nutze daher einen neuen, nicht personalisierten Chat. Deaktiviere die Memory-Funktion bzw. verwende einen temporären Chat und aktiviere die Websuche. Bitte die KI außerdem, ihre Quellen anzugeben und Fakten klar von Vermutungen zu unterscheiden.

Fünf Fragen für dein Ego-Prompting

1. Was weiß die KI über mich? „Recherchiere anhand öffentlich zugänglicher Quellen, wer [Vorname Nachname] ist. Beschreibe die berufliche Tätigkeit, Kompetenzen und Themen, mit denen diese Person in Verbindung gebracht wird.“

2. Welches Bild entsteht daraus? „Welchen Eindruck könnte jemand gewinnen, der diese Person nicht kennt und nur die öffentlich verfügbaren Informationen liest?“

3. Wie verändert sich das Bild aus unterschiedlichen Perspektiven? „Wie könnte diese Person von potenziellen [Kunden / Kollegen / Arbeitgebern…] wahrgenommen werden?“

4. Wo liegen blinde Flecken? „Welche Informationen fehlen, welche Widersprüche gibt es und welche Aussagen könnten veraltet oder falsch sein?“

5. Erzählen unterschiedliche KIs dieselbe Geschichte? Wiederhole die Fragen in mindestens zwei verschiedenen KI-Systemen. Vergleiche die Beschreibungen, Schwerpunkte und angegebenen Quellen.

Wie gehst du mit dem KI-Bild von dir um?

Mein eigener Selbsttest war sehr aufschlussreich. In vielen Beschreibungen habe ich mich gut wiedererkannt. Gleichzeitig hat die KI einige relevante Aspekte aufgezeigt, die zum Nachdenken anregen. Jedoch: Nicht alles, was eine KI über unsere Außenwirkung ableitet, entspricht der tatsächlichen Wahrnehmung anderer Menschen. Und nicht jede Einschätzung sollte das gleiche Gewicht bekommen. Entscheidend ist also, ob wir die Zuschreibungen als eine von vielen Perspektiven wahrnehmen können. Auch vor dem Hintergrund, dass wir ja wissen, dass die KI nach wie vor Informationen erfinden kann.

Mich erinnert das an den bekannten Satz „Glaub nicht alles, was du denkst.“ Er lässt sich ergänzen durch:

Glaub nicht alles, was du liest.
Auch dann nicht, wenn die KI es sehr überzeugend formuliert.

Drei Schritte helfen dabei, das entstandene KI-Bild bewusst einzuordnen:

1. Kritisch prüfen: Was ist tatsächlich belegt? Was ist Interpretation? Und welche Informationen fehlen möglicherweise?

2. Bewusst reflektieren: Welche Hinweise überraschen mich? Was erkenne ich wieder? Was ist für mich relevant und wo sehe ich tatsächlich Handlungsbedarf?

3. Perspektiven einholen: Wie nehmen mich Menschen wahr, die mich kennen und mit mir zusammenarbeiten? Wo bestätigen oder widersprechen ihre Erfahrungen dem KI-Bild? Du könntest verschiedene Menschen fragen: „Welche drei Eigenschaften verbindest du mit mir?“ Oder etwas konkreter: „In welchen Situationen erlebst du mich besonders wirksam? Und wo siehst du Entwicklungsmöglichkeiten?“

Solche Fragen brauchen (und schaffen!) Vertrauen. Sie eröffnen etwas, das eine KI-Beschreibung allein nicht leisten kann: einen persönlichen Dialog, in dem wir nachfragen, Missverständnisse klären und gemeinsam neue Perspektiven entwickeln können.

Vom digitalen Selbstbild zu echten Beziehungen

Natürlich können wir unser digitales Bild bewusster gestalten und dazu beitragen, dass KI-Systeme aktuelle und zutreffende Informationen finden. Beispielsweise durch ein aktuelles LinkedIn-Profil, eine gut gepflegte Website, öffentlich zugängliche Fachbeiträge oder Interviews. Dabei hilft es, wenn berufliche Stationen, Kompetenzen und Themen konsistent beschrieben werden. Aber es gibt auch Grenzen: Bereits trainiertes Modellwissen lässt sich nicht einfach durch ein aktualisiertes Profil „überschreiben“. Letzlich haben wir wenig Einfluss darauf, welche Quellen eine KI verwendet oder welche Schlüsse sie daraus zieht.

Umso wichtiger ist es, uns zu fragen: Welchem Zweck soll das dienen? Denn letztlich ist es erst einmal unerheblich, ob wir von Algorithmen positiv bewertet oder als besonders kompetent eingeschätzt werden. Anders sieht die Sache aus, wenn andere Menschen auf dieser Basis eine Einschätzung über uns treffen. Dann macht es einen Unterschied, ob sichtbar ist, was uns ausmacht und welche Themen uns wirklich wichtig sind. Um Menschen die Möglichkeit zu geben, Anknüpfungspunkte zu finden.

Diese Fragen können bei der Reflexion helfen:

    Was macht mich aus? Welche Stärken, Interessen und Fähigkeiten möchte ich sichtbar machen?

    Wofür stehe ich? Welche Werte sollen sich in meinem Handeln widerspiegeln?

    Was möchte ich an mir bewahren – auch wenn es nicht in ein eindeutiges oder widerspruchsfreies Bild passt?

    Welche Beziehungen sind mir wichtig? Wie möchte ich diese bewusst gestalten?

    Bei Working Out Loud spielt Sichtbarkeit eine wichtige Rolle – dieser Aspekt ist in den Kernprinzipien fest verankert. Wir machen unsere Arbeits- und Lernschritte sowie unsere Ziele, Interessen und Herausforderungen sichtbar, um Wissen und Erfahrungen großzügig zu teilen und voneinander zu lernen. Sichtbarkeit ist also kein Selbstzweck, sondern ermöglicht Begegnung, Austausch und das gemeinsame Vorankommen.

    Während die KI Informationen über uns verarbeitet, kann zwischen Menschen etwas entstehen, das über Informationen weit hinausgeht: Verbundenheit.

    Indem wir einander zuhören, Mut machen, Vertrauen schenken, uns unterstützen und offen dafür bleiben, uns in Begegnungen selbst weiterzuentwickeln. Dann geht es nicht nur darum, unsere digitalen Spuren zu legen, sondern vor allem um die Beantwortung der Frage, welche Spuren wir im Leben anderer Menschen hinterlassen wollen. Ob Selbstbild, Fremdbild oder KI-Bild: Entscheidend bleibt, wie wir auf uns selbst blicken, wofür wir stehen und wie wir aufeinander zugehen.

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