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Raus aus der Defizitorientierung im Krankenhaus? Nein! – Das ist Positive Leadership wirklich

Als überzeugte Anwenderin der Positiven Psychologie ging es mir bisher recht leicht über die Lippen: „Wir müssen raus aus der Defizitorientierung!“ Raus aus dem Mangeldenken, welches gerade im Gesundheits- und Sozialwesen sehr verbreitet ist. Selbst, als ich beim Positive Leadership Forum in München im Rahmen der Podiumsdiskussion „Positive Leadership meets Gesundheits- und Sozialwesen“ gemeinsam mit Sarah Schäfer, Manola Kraus und Simone Roth auf der Bühne saß, stellte ich vor großem Publikum die Frage: „Was würde eigentlich passieren, wenn Menschen in einem Krankenhaus ihren Arbeitsplatz nicht als Mangelorganisation betrachten, sondern als Organisation der Fülle?“ Der Gedanke dahinter: Trotz aller Knappheit ist unglaublich viel da, was gut gelingt und wirkt.

Einen Tag später öffnete sich mein Blick nochmal mehr – an einer, wie ich finde, ganz zentralen Stelle. Denn häufig bringen wir Defizitorientierung im Krankenhaus vor allem damit in Verbindung, dass wiederholt geäußert wird: „Wir haben zu wenig von allem: zu wenig Zeit, zu wenig Personal, zu wenig Geld.“ Dieses Gefühl von „Es reicht einfach nicht, und das wird sich nie ändern“ scheint der Kern zu sein. Und ehrlich gesagt: Das stimmt leider an vielen Stellen, darüber lässt sich kaum streiten.

Der Ressourcenmangel ist nicht nur eine wahrgenommene, sondern auch eine strukturelle Realität.

In einem großartigen Vortrag von Bernd Bürger, leitender Polizeibeamter bei der Bayerischen Polizei, hat ein Gedanke etwas auf entscheidende Weise hinzuaddiert. Bernd machte deutlich: Die Polizei werde vor allem als „Problemlöser“ wahrgenommen: „Es gibt ein Problem? Tatütata, wir kommen!“ In der Führung und Zusammenarbeit hingegen sei der Mindshift hin zum „Erfolgssucher“ entscheidend: der Fokus auf Stärken und das bereits Gelingende.

Die Parallele zum Krankenhaus liegt auf der Hand:

Defizitorientierung im Krankenhaus ist nicht nur eine Folge von Knappheit. Sie gehört zum Kern der Arbeit selbst.

Ähnlich wie bei der Polizei geht es in der Medizin darum, sehr genau hinzuschauen, wo etwas nicht stimmt. Diagnosen zu stellen. Abweichungen zu erkennen und zu behandeln. Wenn eine Fachärztin nach der Untersuchung sagt: „Sie haben Diabetes Typ 2, Ihre Blutzuckerwerte sind deutlich erhöht und wir sollten zeitnah mit der Behandlung beginnen“, dann ist der Fokus klar: auf dem, was Aufmerksamkeit und Intervention braucht. Alles andere, auch das, was im gleichen Körper an anderer Stelle gut funktioniert, tritt – zumindest im Moment der Diagnose – in den Hintergrund.

Und auch eine Pflegekraft, die einen Patienten versorgt, achtet darauf, wo Risiken entstehen könnten: Dekubitus, Sturzgefahr, Veränderungen im Zustand. Sie dokumentiert Abweichungen, reagiert auf Verschlechterungen, priorisiert das akut Notwendige. Professionalität zeigt sich gerade darin, sensibel für das zu sein, was nicht funktioniert oder sich verschlechtern könnte.

Wichtig ist an dieser Stelle die Ergänzung, dass Ärztinnen und Ärzte selbstverständlich auch auf Therapieerfolge und Verbesserungen schauen, und auch Pflegekräfte achten auf Fortschritte, Ressourcen und wachsende Selbstständigkeit. Dieser Blick kommt jedoch meist später, nach der Stabilisierung und im Verlauf der Erkrankung, und er hat eine andere Dringlichkeit.

Ich frage mich: Vielleicht fällt es Menschen, die in Gesundheitsberufen arbeiten, genau deshalb meist schwerer, das positiv Abweichende, das Gelingende, wahrzunehmen? Nicht, weil sie es nicht wollen oder nicht können – sondern weil es im Alltag, zumindest im Moment der Diagnose und der Entscheidung, nicht im Mittelpunkt steht?

Was im Patientenkontext absolut sinnvoll und notwendig ist, nehmen wir oft ganz selbstverständlich mit in andere Bereiche: in Teamgespräche, in Führungssituationen, in die Art, wie wir über unseren Alltag und miteinander sprechen. Wir kritisieren, was fehlt, wir analysieren, was nicht läuft, wir geben unser Bestes dabei, Probleme in den Griff zu bekommen. Darin sind wir inzwischen geübt und immer stärker professionalisiert.

Doch dieser Blick bleibt nicht folgenlos.

Er ist so präsent, dass er irgendwann zum Standard wird und bestimmt, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Wenn der Fokus nur noch auf dem liegt, was nicht funktioniert, wird das, was im Team und in der Leistung jedes Einzelnen besonders gut läuft, schnell unsichtbar: vorhandene und gelebte Stärken, erreichte Erfolge, Sinnerleben im Alltag.

Würden wir daraus jedoch missionarisch ableiten: „Raus aus der Defizitorientierung!“, kann das kein anschlussfähiges Konzept sein. Das gilt für alle Branchen, und im Gesundheitskontext umso mehr. Denn es widerspräche der Alltagspriorität vieler Menschen in Gesundheitsberufen. Auch wenn der Ansatz der Salutogenese und der Anspruch, Prävention zu unterstützen, an vielen Stellen mehr und mehr Raum bekommen: Buchstäblich Leben und Tod hängen davon ab, dass problembehaftete Symptome präzise erkannt, benannt und konstruktiv bearbeitet werden.

Es geht also keineswegs darum, den „Problemblick“ loszuwerden. Sondern darum, ihn zu ergänzen.

Und zwar durch einen zusätzlichen, bewusst eingenommenen Blick auf das, was im Miteinander trägt. Auf das, was möglich ist und wo trotz aller Herausforderungen Handlungsspielräume liegen. Diesen Blick einzunehmen, fällt vielen Menschen nicht leicht. Zumindest dann, wenn es keine Möglichkeiten gibt, dies beständig zu üben – und zu erleben, was daraus entsteht. Gerade deswegen braucht es neue Ansätze, förderliche Strukturen und neue Räume: wie das Programm „Energizing Leadership“ im Stadtspital Zürich, über dessen Inhalte und Erfolge Sarah Schäfer und ich auf dem diesjährigen Positive Leadership Forum sprechen durften.

Die dahinterstehende Haltung nimmt nichts weg von der Realität – sie erweitert sie.

Genau darum muss es gehen: nicht weniger Probleme zu sehen, sondern zu erkennen, wann welcher Blick wirklich, wirklich hilfreich ist.

Damit wir nicht nur exzellent darin werden, Probleme zu bearbeiten – sondern auch darin, das Gelingende systematisch zu nutzen.

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